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Österreichs Gesundheitsministerin über Schwerpunkte ihrer EU-Ratspräsidentschaft und den Kampf gegen eine Pandemie
Die Welt: Die Vogelgrippe breitet sich weiter aus. Ist die Europäische Union auf die Bekämpfung der Seuche gut genug vorbereitet?
Maria Rauch-Kallat: Die Sorge vor einer weltweiten Grippewelle, wie sie vor allem von der Weltgesundheitsorganisation artikuliert wird, hat für große Aufmerksamkeit und manche Aufregung gesorgt. Das hat auch die Veterinäre alarmiert. Was dazu führt, daß nun auch konsequent gegen die Tierseuche vorgegangen wird. Ich gehe davon aus, daß auch in früheren Jahren tote Wildvögel mit dem Vogelgrippe-Virus H5N1 infiziert waren. Es hat sie nur nie jemand untersucht.
Welt: Deutschland und Frankreich fordern eine EU-weite Kriseninterventionsgruppe. Was halten Sie von diesem Vorschlag?
Rauch-Kallat: Gemeinsames und abgestimmtes Vorgehen ist sicherlich notwendig. Auf dem informellen Gesundheitsministerrat in Wien haben wir gemeinsame Kommunikationsstrategien besprochen und festgehalten, daß wir bei der Bekämpfung der Vogelgrippe noch stärker zusammenarbeiten wollen. In diesem Sinne ist der Vorschlag ein wichtiger Beitrag, den wir aber erst im Detail diskutieren müssen.
Welt: Sie sind als Gesundheitsministerin in Österreich auch für das Veterinärwesen zuständig. Bringt der Zuschnitt des Ressorts Vorteile im Kampf gegen die Vogelgrippe?
Rauch-Kallat: Österreich gehört zu drei Ländern in der EU, in denen die Zuständigkeiten so geregelt sind. Das gilt übrigens auch für EU-Kommissar Markos Kyprianou. Zum Aufgabenbereich gehören zudem der Tierschutz und die Lebensmittelsicherheit. Alle Entscheidungen im Zusammenhang mit der Vogelgrippe - vom Grippe-Medikament bis zum möglichen Hausarrest für Katzen - sind somit in einem Haus zu treffen, was die Sache enorm vereinfacht.
Welt: Stichwort Grippe-Medikamente. Welchen Vorrat kann sich die EU leisten?
Rauch-Kallat: Der österreichische Vorsorgeplan sieht vor, für 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung antivirale Medikamente einzulagern. Einige EU-Staaten können sich diese Mengen aber nicht leisten. Daher wird diskutiert, auf EU-Ebene ein Depot anzulegen, um es im Ernstfall schnell an einen lokal begrenzten Krankheitsherd zu bringen. Das kann aber nur eine Sofortmaßnahme sein.
Welt: An welches Finanzvolumen denken Sie dabei?
Rauch-Kallat: Es geht um etwa drei Millionen Medikamenten-Dosen. Noch ist aber nicht geklärt, ob die Kommission oder die Mitgliedsstaaten das notwendige Geld aufbringen sollen.
Welt: Wie steht es um eine gemeinsame Strategie zur Erforschung eines Impfstoffs?
Rauch-Kallat: Zunächst müssen die vorhandenen Produktionskapazitäten und Techniken erfaßt werden. Die Produktion eines Impfstoffs auf Basis von Hühnereiern würde im Fall einer Pandemie mit dem Vogelgrippe-Virus auf Schwierigkeiten stoßen, da gar nicht genügend Eier zur Verfügung stehen würden. Es gibt aber Firmen, die an Verfahren auf Zellbasis arbeiten. In diese Technik wird die EU jetzt hoffentlich verstärkt Forschungsgelder investieren.
Welt: Mit dem jetzt beginnenden Vogelzug droht Vogelgrippe-Gefahr aus Afrika. Wie kann sich die EU schützen?
Rauch-Kallat: Die internationale Staatengemeinschaft hat auf einer Geberkonferenz in Peking knapp 1,6 Milliarden Euro zur weltweiten Bekämpfung der Vogelgrippe bewilligt. Damit werden auch Maßnahmen in afrikanischen Ländern finanziert - von der Hygiene im Geflügelstall bis zur Information der Bevölkerung, wie sie sich vor Ansteckung schützen kann.
Welt: Ein Schwerpunkt Ihrer EU-Ratspräsidentschaft ist das Thema Frauengesundheit. Was wollen Sie erreichen?
Rauch-Kallat: Ziel ist eine nach Geschlechtern differenzierte Medizin. Das ist absolut notwendig. Viel zu lange sind Arzneimittel während ihrer Entwicklung ausschließlich an Männern getestet worden. Dabei wirkt selbst Aspirin bei Männern anders als bei Frauen.
Welt: Was bedeutet das für die Therapie von Krankheiten?
Rauch-Kallat: Dieselbe Krankheit hat bei Männern und Frauen oft eine andere Symptomatik. Der Herzinfarkt war lange Zeit eine typisch männliche Krankheit. Die Frauen holen als Folge ihres veränderten Lebensstils leider auf. Es sterben zwar immer noch mehr Männer am Herzinfarkt, aber prozentual ist die Todesrate bei Frauen höher als bei Männern. Der Herzinfarkt wird bei Frauen oft zu spät erkannt und behandelt. Die Ärzte müssen differenzierter ausgebildet werden. Die Frauen selbst müssen besser informiert werden.
Welt: Welche weiteren Konsequenzen fordern Sie?
Rauch-Kallat: Die EU hat 1996 erstmals einen Frauengesundheitsbericht vorgelegt. Und ich fordere jetzt, daß ein zweiter Bericht erstellt wird. Beim Vergleich der Daten können Trends erkannt und notwendige Maßnahmen eingeleitet werden. Außerdem will ich erreichen, daß Gesundheitsdaten künftig stets nach Frauen und Männern getrennt erhoben werden. Die Bereitschaft dafür ist in allen EU-Staaten vorhanden.
Welt: Die EU-Kommission erarbeitet gerade ein Aktionsprogramm gegen Alkohol. Was ist notwendig?
Rauch-Kallat: Wichtig ist, die Verfügbarkeit von Alkohol für Jugendliche einzuschränken. In diesem Zusammenhang muß auch über höhere Preise diskutiert werden, vor allem bei hochprozentigen Getränken. Supermärkte und Gaststätten sind aufgefordert, sich strikt an die Alterbeschränkungen für die Abgabe von Bier, Wein und Spirituosen zu halten.
Welt: Wäre ein EU-einheitliches Jugendschutzgesetz sinnvoll?
Rauch-Kallat: Sinnvoll schon. Als Ministerin eines föderalen Landes wäre ich schon froh, wenn der Jugendschutz in Österreich einheitlich geregelt wäre. Jugendschutz ist bei uns Ländersache. Wir haben neun Bundesländer und neun verschiedene Jugendschutzgesetze.
Interview: Claudia Ehrenstein