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ARD: Nicht nur die Bundesregierung hat Russland/Ukraine aufgerufen, sich friedlich zu einigen, auch die Europäische Union bemühte sich um einen Beitrag zur Lösung. Und wegen der Krise kamen heute in Brüssel Energiefachleute bei der Europäischen Union zu einer Sitzung unter der Leitung des österreichischen Wirtschaftsministers und europäischen Ratspräsidenten Martin Bartenstein zusammen. Am nächsten europäischen Gipfel in März wird jetzt auch die Versorgungssicherheit Europas auf der Tagesordnung stehen. Braucht Europa eine neue Energiepolitik? Das fragten wir Ratspräsident Martin Bartenstein in Brüssel. Guten Abend, Herr Bartenstein! Wie schätzen Sie die Einigung zwischen Moskau und Kiew ein?
Bartenstein: Jedenfalls gut. Es war eine gute Nachricht für die Europäische Union insgesamt, aber auch für Russland und die Ukraine. Damit konnte dieser ja schon sehr lange andauernde Gaspreisstreit zwischen der Ukraine und Russland beigelegt werden und damit wurde auch die Basis gesichert für eine verlässliche Versorgung der Europäischen Union und ihrer Mitgliedsstaaten.
ARD: In Österreich ist ja relativ wenig angekommen. Sie mussten sich Sorgen machen. Haben Sie einen Schreck bekommen?
Bartenstein: Es war jedenfalls Anlass zur Sorge. Ein Drittel weniger. Vor allem ging das von Stunde zu Stunde runter: Zuerst elf Prozent, dann minus 18 Prozent, dann über Nacht vom ersten auf den zweiten waren es zeitweise sogar minus 50 Prozent. Und der Durchschnitt des nächsten Tages: etwa ein Drittel weniger. Ich denke, dass in anderen europäischen Ländern der Rückgang ähnlich groß war. Spitzen von minus 50 Prozent wurden gemessen. Und das war offensichtlich auch weniger als die Experten erwartet haben.
ARD: Zeigt das aber nicht, dass die Europäische Union lange geschlafen hat, was eine gemeinsame Energiepolitik bedeutet?
Bartenstein: Natürlich wissen wir, die Hälfte des in die Europäische Union importierten Gases kommt aus Russland, 80 Prozent davon über diese Pipeline, die durch die Ukraine durchgeht. Also, wir tun gut daran, auch in Sachen Gasversorgung zu diversifizieren, so wie es Deutschland mit der Pipeline durch die Ostsee aus Russland macht. So wie wir es in Österreich gemeinsam mit anderen Partnern mit einer neuen Pipelineverbindung aus der Türkei über Südosteuropa unter dem Codenamen „Nabucco“ halten wollen. Aber wir sollten auch daran denken, uns stärker um Liquified Natural Gas zu kümmern. Das tun andere südeuropäische Länder schon etwas stärker als wir. Und das ist eine Technologie, die auch preislich immer stärker wettbewerbsfähig wird. Dabei wird Gas am Golf oder in anderen Regionen gefördert, verflüssigt, per Tanker an Terminals gebarcht und von dort zu unseren europäischen Häfen und über Gaspipelines zu den Verbrauchern - eine echte Alternative zu Pipelinegas aus Russland, aus Zentralasien, die in Zukunft eine größere Rolle spielen wird. Wobei ich eines sagen möchte: Das Rückgrat unserer Gasversorgung wird auch in nächsten Jahren – und ich sage: Jahrzehnten – russisches Gas sein. Da führt kein Weg daran vorbei.
ARD: Aber, Herr Bartenstein, Sie sprechen von Gas und Öl. Ist es nicht falsch, dass wir uns nur auf diese beiden Energiequellen stützen?
Bartenstein: Tun wir nicht. Das ist schon richtig, es gibt in Wirklichkeit keinen Energieträger, den man auslassen kann. Ich nenne hier zuvor erst einmal erneuerbare Energieträger. Darauf sollte man setzten, gerade was auch die Stromerzeugung anbelangt, ohne hier die Kosten aus den Augen aus den Augen zu lassen. Aber Gas und Öl spielen hier eine ganz, ganz wichtige Rolle. Und vergessen wir auch eines nicht, nämlich eine Verbesserung der Energieeffizienz, weil die günstige und ökologischste Kilowattstunde ist die, die man nicht verbraucht.
ARD: Vielen Dank, Herr Bartenstein.
Bartenstein: Danke vielmals. Und alles Gute nach Hamburg.