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Reden, Interviews

02.03.2006

Eröffnungsrede von Staatssekretär Morak beim Expertenseminar "Content als Wettbewerbsfaktor - Stärkung der Europäischen Kreativindustrien im Lichte der i2010-Strategie"


 

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Frau Kommissarin, sehr geehrte Damen und Herren!

Im Namen der Österreichischen EU-Ratspräsidentschaft darf ich Sie alle sehr herzlich zum Expertenseminar „Content als Wettbewerbsfaktor“ begrüßen. Dieses Seminar, das in enger Kooperation mit der Europäischen Kommission stattfindet, ist die für uns zentrale Veranstaltung im Bereich Informationsgesellschaft, Medien und Kultur.

Warum diese Veranstaltung?

Vor einigen Jahren - es war 1999 - habe ich eine Veranstaltung organisiert, mit dem Titel: „Die organisierte Kreativität“. Dabei ging es mir um die Verbindung von Kultur und Wirtschaft – um die Aufhebung eines, wie mir immer schien, absurden Gegensatzpaares. Ich wollte darauf aufmerksam machen, dass gerade die Content- und Kreativwirtschaft ein entscheidender Faktor für das kulturelle Selbstverständnis moderner Gesellschaften ist – indem dieser Sektor Vielfalt, Unverwechselbarkeit und Einzigartigkeit produziert; und, dass er zugleich auch ökonomisch von großer Relevanz ist. Was damals für Österreich gedacht war, wollen wir mit dieser Veranstaltung in einem europäischen Kontext diskutieren.

Seither hat sich die Welt dramatisch verändert. Ökonomisch: Die Globalisierung hat weite Bereiche der Wirtschaft erfasst! Technologisch: Die Digitalisierung hat alle Bereiche – von der Arbeitswelt bis zur Freizeit - durchdrungen. Das Internet – sowohl Zeichen als auch reale Manifestation für diese Veränderungen - ist aus Wirtschaft und Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Ja man könnte sagen anno 2006, es gab das Vor-Internet-Zeitalter und es gibt das Internet-Zeitalter. Wir leben im Internet-Zeitalter. Aber: Tun wir das wirklich bzw. sind unsere politischen, rechtlichen und kulturellen Rahmenbedingungen auch bereits im Internet-Zeitalter angekommen?

Die mit dem Internet verbundene Ausweitung von Möglichkeiten auf Produktions-, Distributions- und Rezeptionsseite revolutioniert die Content- und Kreativwirtschaft. Ja, vielleicht kann sie sich erst jetzt so richtig entfalten! Die Musikindustrie war vermutlich das erste Beispiel eines Content-Sektors, wo neue Möglichkeiten neue Lösungen erforderten. Und jetzt verfolgen wir gerade, wie durch das Internet neue Distributionsmodelle entstehen, die die Traditionellen abzulösen beginnen. Ein vergleichbares Szenario deutet sich auch für die Filmindustrie an, wo als Strategie gegen illegale Downloads neben verbesserten Kopierschutzeinrichtungen – analog zum Musiksektor – auch legale Download-Plattformen entwickelt werden.

Bald werden wir Geräte haben, die uns das Surfen im Internet ebenso ermöglichen werden, wie das Senden und Empfangen von Emails, den Abruf neuester Spielfilme und aktueller Hits oder die Nutzung von Spielen. Daneben werden wir entscheiden können, WANN, WO und WIE wir diese Dienste und Anwendungen nutzen: Ob zu Hause, im Internetcafe oder im Büro, ob mit dem Mobiltelefon, mit dem PC oder dem Fernseher oder eben alles mit einem Gerät.

Das ist der Hintergrund von dem wir uns den Fragen nach der Stärkung des Kreativstandorts Europa stellen wollen.

Der Untertitel des Seminars verweist auf die i2010-Strategie der Europäischen Kommission, die vor nicht ganz einem Jahr beschlossen wurde. Es handelt sich um ein ehrgeiziges Programm, mit dem Europa das Potential der Informations- und Kommunikationstechnologien verstärkt zur Schaffung von mehr Wachstum und Beschäftigung nutzen will.

Und hier wollen wir mit unserer Veranstaltung andocken: Wir sind nämlich davon überzeugt, dass der Wettbewerb von Heute - und noch viel stärker von Morgen - auf dem Feld der Software, also des Contents und der Kreativität im Allgemeinen, entschieden wird! Viele Untersuchungen belegen, dass die kreativen Branchen überdurchschnittliche Wachstumsraten sowohl hinsichtlich Wertschöpfung als auch Beschäftigtenzahlen aufweisen. Die Frage ist nur: Was kann Europa tun, damit es die großen Wachstumschancen an der Schnittstelle von Wirtschaft und Kultur noch stärker als bisher nutzen kann.

Meine Damen und Herren!

Lange Zeit war es in Europa fast selbstverständlich, dass die Hardware aus Japan kommt, die Software, also der Content, aus den USA und dass wir Europäer die Konsumenten stellen. Ich habe mich immer gefragt: Warum ist das so? Und: Muss das wirklich auch immer so sein? Ich meine: NEIN. Europa hat, gerade auf Grund seiner Vielfalt, die große Chance an der Spitze zu stehen, gerade im Content-Bereich.

Dazu ist aber zweierlei notwendig:

  • Erstens: eine vorurteilslose Analyse des Status Quo. Eine Stärken-Schwäche-Analyse der Instrumente und Maßnahmen im globalen Kontext. Wie stehen wir etwa da mit unseren Regelungen und Förderinstrumenten in den diversen Content-Sektoren wie TV, Film, Musik, Buch, Print und Online – vor allem im Kontext zu den USA oder dem asiatischen Raum? Was können wir etwa von diesen Gesellschaften lernen? Wo sind wir besser? Wie funktioniert das europäische Wettbewerbsrecht, Kartellrecht, Urheberrecht? Wie wirken diese Instrumente untereinander und aufeinander? Wo gibt’s Hemmnisse, Behinderungen, ja Widersprüche usw.?
  • Zweitens: Was können wir verbessern? Wie gelingt es uns, die vorhandenen Instrumentarien auf die geänderten Rahmenbedingungen optimal anzupassen! Zuvorderst geht es aber um eine bessere Vernetzung und Bündelung der Instrumente und Maßnahmen. Wenn es uns gelingt, die vorhandenen Mittel effizienter und zielgerichteter einzusetzen, dann sind wir schon einen wesentlichen Schritt weiter, um das Ziel zu erreichen, eine eigenständige und wettbewerbsfähige Content- und Kreativwirtschaft in Europa zu etablieren.

Meine Damen und Herren!

Im Vorfeld der Veranstaltung habe ich mit vielen Kollegen über unser Vorhaben gesprochen. Der Vorschlag stieß auf ein breites und durchwegs positives Echo. Manche meinten aber einschränkend, dass wir mit dieser Veranstaltung thematisch zu breit seien. Und empfahlen, den thematischen Rahmen einzugrenzen, zu beschränken.

Dazu möchte ich festhalten: Wir haben nicht ein Thema genommen, à la „wie schaffen wir es, mehr Geld für den europäischen Film zu bekommen?“ Sondern wir diskutieren: Wie müssen die europäischen content-relevanten Instrumente und Maßnahmen gestaltet und optimiert werden, damit die Chancen der Digitalisierung von der europäischen Content- und Kreativwirtschaft auf allen Plattformen bestmöglich genutzt werden können! Wir haben uns bewusst für diesen ganzheitlichen Ansatz entschieden. Ja, ich weiß, dass wir damit Neuland betreten. Wir wollen mit dieser Veranstaltung die traditionellen Diskussionsmuster auflösen.

Und damit komme ich auch zum Besonderen an dieser Veranstaltung: Es ist uns gelungen, sechs Kommissionen, auf höchster Ebene vertreten, hierher nach Wien zu bringen. Die Generaldirektionen für

  • ´Informationsgesellschaft und Medien,
  • Bildung und Kultur,
  • Wettbewerb,
  • Binnenmarkt und Dienstleistung,
  • Regionalpolitik
  • Beschäftigung, soziale Angelegenheiten und Chancengleichheit.

Dafür möchte ich mich ganz besonders bei der Europäischen Kommission bedanken - vor allem für die hervorragende Zusammenarbeit im Vorfeld bei der Organisation und Planung der Veranstaltung.

Ich hoffe, dass uns mit diesem großen GET TOGETHER aus Vertretern von Kommission, Mitgliedstaaten, Wirtschaft, Industrie und Konsumenten und dank der horizontalen Betrachtung der Thematik vor allem eines gelingt: ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass europäischer Content DER Mehrwert im globalen Wettbewerb sein könnte, mit dem mehr Wachstum und auch mehr Beschäftigung generiert werden kann.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen spannende und zukunftsorientierte Diskussionen.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit!

 

Datum: 06.03.2006